
Sar-Meda, 4 Monate alt
Sar-Meda,Seit 1993 betrieben wir in Hohenwarsleben eine kleine Bio-Landwirtschaft, Mutterkuhhaltung von Highland- und Gallowayrindern, Schafe, Pferde und Geflügel. Helfer bei der täglichen Herdenarbeit waren seit Juni 1995 Sarplaninac-Rüde Ivo und Oktober 1996 Sarplaninac-Hündin Riva. Im Jahr 1997 kam noch ein Cattledog-Mix mit Namen Casper hinzu.
Ein Jahr nach dem Tod meiner Hündin Riva im März 2006 waren mein Lebensgefährte und ich so weit, über die Anschaffung einer neuen Hündin nachzudenken. War zuerst der Grund für keine neue Hündin der, dass wir zwei alte Rüden (beide 12 Jahre alt) hatten, und Welpen-Besuche keine Begeisterungsstürme bei den „alten Herren“ auslöste, so war es bald genau der Altersgrund, warum wir im Frühling 2007 uns doch für eine neue Hündin entschieden. Noch waren die beiden Rüden gesund und munter, und so hofften wir, dass sie die nächste Generation Hirtenhund „anlernen“ würden. Das ist in unserem Falle so zu verstehen, dass ein junger Hund sich während der alltäglichen Abläufe auf dem Hof die Verhaltensweisen der Alten annehmen sollte. Die Krebserkrankung meines Lebenspartners schien ab Oktober 2006 geheilt, und so schienen die Voraussetzungen für eine Besetzung des Platzes, den meine Hündin Riva so schmerzhaft hinterlassen hatte, zu passen.
Wieder begann die Suche, woher einen Sarplaninac-Welpen bekommen? In Deutschland war seit 2002 kein Wurf im Rahmen des VDH mehr gefallen. Der „alte“ VDH-Zuchtverein züchtete nicht mehr, ein „Neuer“ war noch nicht anerkannt. Ein Welpe aus unseriöser Vermehrung oder ungewisser Verpaarung kam nicht in Frage. Es sollte ein Welpe aus einer familiären Aufzucht sein, möglichst auf dem Lande mit Prägung auf andere Tiere. Ich wollte einen Welpen mit Papieren, geimpft, gechipt, entwurmt, menschenbezogen, aber doch dem Wesen und Blute nach ein authentischer Sarplaninac.
Während dieser Zeit der Suche brach ein neuer Schicksalsschlag auf uns herein: bei meinem Lebenspartner wurden Metastasen festgestellt, eine neue, noch viel schwerere Chemotherapie als die vorherigen, beeinflusste unser Leben und unsere Arbeit in der Landwirtschaft. Fast hatte ich die Suche nach einem Welpen aufgegeben, da erfuhr ich durch einen Schweizer Hundefreund, der gerade zu Besuch in Niedersachsen weilte, von einem Wurf Sarplaninci mit Papieren in der Schweiz. Ich setzte mich mit der Züchterin in Verbindung und wollte alles über diesen Wurf herausbekommen. Andererseits brauchte es auch Empfehlungen meiner Person, denn es sollte nicht ungeprüft jeder einen Welpen aus diesem Wurf bekommen.
Der Wurf der Hündin Brita, die aus dem Mazedonischen Teil der Sar Planina stammt, fiel am 21.04.2007 und es folgten 12 Wochen E-Mail-Verkehr und mehrere Telefonate. Für uns war klar, ein weiblicher Welpe aus diesem Wurf sollte es werden und wenn die Chemotherapie überstanden ist, dann werden wir gemeinsam in die Schweiz fahren, um die Kleine zu holen.

Brita od Mak Mavrovo und ihre Welpen
Seit Mitte Mai hatten wir die traurige Gewissheit, dass die Chemotherapie bei meinem Lebensgefährten nicht gewirkt hatte, im Gegenteil, es musste sofort eine Notoperation durchgeführt werden. Sechs bis acht Wochen Genesungszeit rechneten wir, und so schmiedeten wir weiter unsere Pläne für die Reise in die Schweiz. Während dieser schweren Zeit waren die Gespräche über unseren zukünftigen Welpen immer die positiven Momente: wer plant, der gibt die Hoffnung nicht auf!
Die Wahl „unseres“ Welpen war nicht einfach: der Wurf hatte 3 Rüden und 4 Hündinnen. Von den Welpen erhielten wir jede Woche einen Entwicklungsbericht mit Fotos, und auch mit Schilderung der Charaktereigenschaften der Kleinen. Wir entschieden uns letztendlich für Nr. 6, „die goldene Mitte“, einer Hündin, die nicht die Größte und nicht die Kleinste war, nicht die Lebhafteste und nicht die Ruhigste. Aber freundlich war sie sie erhielt von der Züchterin auch den Spitznamen „Labbi“, weil sie wedelte wie ein Labrador.

Sar-Meda, 8 Wochen alt
Apropos Name: im KAH (Klub Ausländischer Hirtenhunde in der Schweiz) ist es nicht unbedingt üblich, die Würfe genau in der Reihenfolge des Alphabets zu benennen. Das würde bei den seltenen Rassen mit wenigen Würfen ja kaum über das A-B-C hinauslaufen. Dieser Wurf war der zweite der Züchterin, den ersten 1995 hatte sie mit dem Buchstaben „E“ benannt. Diese Welpen sollten nun Namen mit dem Buchstaben „S“ bekommen. Den Namen durften wir uns selbst aussuchen, und entschieden uns für Sar-Meda, was so viel heißt wie „Kleine Bärin aus dem Sar-Gebirge“.
Der Zeitpunkt der Abholung des Welpen rückte immer näher, und nach anfangs vorangeschrittener Genesung meines Partners begann Anfang Juli eine Phase, die uns Komplikationen nach der letzten Operation erahnen ließen. Zur Kontrolle begab er sich Anfang Juli noch einmal ins Krankenhaus, um die Ursachen herausfinden zu lassen. Nach einigen Tagen war klar, dass der Aufenthalt länger dauern würde, und ich wollte unseren Welpen schon „absagen“. Die Unsicherheit, was wird in der Zukunft, wäre es nicht zu belastend, bei einem längeren Ausfall von ihm die Landwirtschaft mit der Rinder- und Schafherde - und mit drei Hunden zu bewältigen? Er bestand darauf, dass ich den Welpen abhole, aber mit seinem Sohn, denn er wusste um meinen Wunsch nach einer neuen Hündin …
Die Fahrt in die Schweiz war problemlos, wir fuhren 8 Stunden von Hohenwarsleben nach Hägglingen, waren ca. 14.00 Uhr angekommen. Wir wurden sehr nett von dem Züchterehepaar empfangen und mit viel Gebell von dem Hunderudel. Hier lebten Mutterhündin, Vater der Welpen und der Onkel mit den Welpen zusammen. Natürlich haben wir zur „Bestechung“ jede Menge Leckerli mitgebracht, und sie taten auch ihre Wirkung. In dem Gewusel von wedelnden Schwänzen konnten wir die einzelnen Welpen gar nicht erkennen. Einer tat sich besonders hervor, indem er mich ständig ansprang. Auf meine Frage, welcher das denn sei, bekam ich die Antwort „Na, Ihre Hündin!“. Wir hatten nun den ganzen Nachmittag Zeit, um die ganze Truppe näher kennen zulernen, später war noch ein Besuch einer Hundeschule in der Nähe mit den „Kandidaten“ geplant. Danach gab es noch ein Original Schweizer Raclette, mit netten Gesprächen. Ich hätte mich zu dem Zeitpunkt immer noch anders entscheiden können, aber nachdem ich am späten Abend die schlafenden Welpen noch einmal besuchte, einer von ihnen aufstand und freudig zu mir lief, na wer schon? Antwort: „Ihrer!“, da stand fest, die Hündin, die wir seit Monaten aufgrund von Fotos und Schilderungen gewählt hatten, hatte auch mich gewählt!

Gegenseitiges Kennenlernen
Am nächsten Morgen holten wir die Kleine mit allen erforderlichen Papieren bei ihrer Familie ab, und traten die Heimreise an. Die Fahrt verlief wieder ohne Probleme, so dass wir unter Einhaltung einiger Pipi-Pausen nach 8 Stunden wohlbehalten auf dem Hof ankamen. Unsere beiden alten Rüden interessierten sich nicht sonderlich für den Neuankömmling, er schien für sie wohl wieder einer dieser Besucher zu sein … Nachdem die Kleine aber nach einigen Tagen immer noch nicht wieder weg war, begriffen die Rüden, dass hier wohl ein neues Rudelmitglied angekommen ist.

Die Fahrt nach Hause
Mein Lebensgefährte im Krankenhaus teilte die große Freude über die kleine Hündin. Jeden Tag wollte er wissen, wie sie sich verhält und was sie erlebt. Leider sind Hunde auf dem Klinikums-Gelände nicht erlaubt, sonst hätte ich sie zu meinen täglichen Besuchen mitgenommen. Nach einer Woche bemerkten wir Veränderungen an seinem Gesundheitszustand. Er wurde zusehends schwächer und nach einer nochmaligen MRT-Untersuchung erfuhren wir die schockierende Diagnose: der Krebs hat lebenswichtige Organe so sehr zerstört, dass ab jetzt mit seinem Tod zu rechnen war. Zwei Wochen nach der Ankunft von Sar-Meda schloss er für immer die Augen, ohne sie jemals kennengelernt zu haben. In dieser Nacht passierte etwas Ungewöhnliches: die kleine Hündin, die jede Nacht ruhig in meinem Schlafzimmer verbrachte, bellte lange Zeit fürchterlich. Am nächsten Morgen war sich die Familie einig: die Seele Ihres Herrchens, den sie nicht mehr kennenlernte, ist auf den Hof zurückgekommen und Sar-Meda konnte ihn nicht erkennen …
Sar-Meda kam in einer sehr schwierigen Zeit in mein Leben und in unsere Landwirtschaft. Nach dem Tod meines Lebensgefährten musste ich tagsüber unseren Bürobetrieb aufrechterhalten, die Landwirtschaft managen und nebenbei Beerdigung und alles was davor und danach damit zusammenhängt organisieren. Während der Bürozeiten begleitete mich die kleine Hündin ins Büro, und nachmittags kümmerten sich oft abwechselnd die anderen Familienmitglieder um sie, wenn ich wichtige Wege zu erledigen hatte. Bemerkenswert war: so traurig und niedergedrückt die Stimmung unter uns Menschen in dieser Zeit oft war, schaffte sie es immer wieder, mit ihrem aufgeschlossenen und neugierigem Wesen alle auf andere Gedanken zu bringen. Ihr schier unermüdliches Temperament schien ständig zu zeigen: „Toll gespielt, der nächste bitte!“

Spielkameraden zu Besuch
Irgendwann waren die Zeiten vorbei, dass jeder, der kam als potentieller Spielkamerad angesehen wurde. Ab einem Alter von ca. 5 Monaten fing sie an, Handwerker und Lieferanten kritischer zu mustern und bei Nichtgefallen auch mal anzubellen. Dieses Verhalten machte natürlich auch die beiden „alten Herren“ wieder aufmerksam, denn schon zu Zeiten meiner Riva war es die Hündin, die etwas Fremdes oder Ungewöhnliches zuerst meldete.

Küsschen
Nur mit den alten Rüden war es nicht ganz so einfach: während der Cattledog-Mix Casper seit Wochen an einer operierten Achillesehnen-Verletzung litt und als Spielkamerad nicht in Frage kam, zeigte Ivo deutlich sein Desinteresse an den Spielaufforderungen der jungen Hündin. Erst tat er so, als sähe er sie nicht, und wenn eine gewisse Distanz überschritten war, stand er auf und ging grummelnd auf einen anderen Platz wobei er von Woche zu Woche mehr Nähe zuließ, bis auch gemeinsame Weiderundgänge möglich waren.

Spaziergang mit Ivo
Während der Herdenarbeit erkundete sie nach und nach auch ihr neues Revier, Pferde kannte sie schon, die Rinder flössten Respekt ein und die Schafe jagte sie mit Übermut über die Wiese bis plötzlich die Mütter alle um sie herumstanden und mit den Klauen auf den Boden stampften. Sie lernte die Schafe in den nächsten Tagen und Wochen zu respektieren. Die täglichen Weiderundgänge waren eine gute Möglichkeit, den alten Sarplaninac Ivo und Sar-Meda aneinander zu gewöhnen. Wo er hinging, folgte sie ihm, und nach einigen Wochen waren beide ein toll eingespieltes Team. Ihr schon fast hütehundähnliches, nimmermüdes Wesen versuchte ich mir für das Treiben der Tiere zunutze zu machen, was sie auch sehr schnell begriffen hatte.

Bei den Schafen
Mit Ablauf des Jahres 2007 neigte sich die Zeit in der Landwirtschaft dem Ende zu, denn es war nach dem Tod meines Lebensgefährten klar, dass ich den Hof nicht alleine weiterbewirtschaften konnte. Schon bald fand ich einen Kaufinteressenten, und zum 01.12.2007 erfolgte die Übergabe des Betriebes und damit unser Umzug in ein neues Leben.
(28.06.2008)
© Dorette Knobbe
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